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Krakau auf jüdischen Pfaden

Mittelalterlicher Stadtkern, trendige Viertel, quirlige Plätze, kreative Szene – die polnische Stadt hat an vielen Ecken Spannendes zu bieten. Besonders die jüdische Geschichte Krakaus verspricht eine Erkundungsreise mit interessanten und bewegenden Einblicken.

„In den letzten 20 Jahren ist wieder mehr jüdisches Leben eingezogen. Krakau ist die beste Stadt in Europa für Juden“, erklärt Fremdenführerin Sylwia Jeruzal. Im Stadtteil Kazimierz, bis 1800 eine eigene Stadt mit jüdischer Siedlung, herrscht quirliges Treiben. Touristen spazieren durch die engen Gassen und über die Plätze, besuchen die Museen, Synagogen und den Friedhof, erforschen die Innenhöfe der Jahrhunderte alten Häuser und verschiedene Orte, die sie aus dem Oscar-prämierten Film „Schindlers Liste“ kennen. Zahlreiche Restaurants, Cafés und Bars locken Tag und Nacht Publikum an. Ob an jüdischer Kultur interessiert oder nicht, das Viertel ist hip und eine absolute Bereicherung für Krakau-Reisende.

Rund 65.000 Juden, etwa ein Viertel der Stadtbewohner, lebten und arbeiteten vor dem 2. Weltkrieg bzw. dem Holocaust in Krakau, v. a. in den Stadtteilen Podgórze und Kazimierz. Mit der deutschen Besetzung ab 1939 wurden die Juden nicht nur in ein eigens errichtetes Ghetto in Podgórze umgesiedelt, sondern anschließend auch fast alle in Konzentrationslager (wie z. B. Auschwitz) deportiert und ermordet. Kazimierz, so wie ganz Krakau von Bomben verschont geblieben, verfiel nach dem Krieg zusehends. Nur wenige Menschen wohnten lange Zeit hier, für viele war es schlicht zu gefährlich.

Unbekannte Wurzeln

Steven Spielbergs Holocaust-Film „Schindlers Liste“ brachte in den 1990er Jahren das Viertel zurück ins Rampenlicht. Inzwischen wurden viele Gebäude renoviert, Künstler und Geschäftstreibende sind eingezogen – und auch das jüdische Leben ist wieder auferstanden. Offizielle Zahlen gibt es nicht, etwa 700 Mitglieder verzeichnet das Jüdische Gemeindezentrum (JCC), insgesamt dürften es mehr sein. Dabei gibt es drei Gruppen von Juden: die sehr streng lebenden Habad (Chabad), die Orthodoxen und die Reformjuden. „Viele Leute wissen aber auch gar nicht, dass sie jüdische Wurzeln haben“, erzählt Sylwia. Viele Menschen – Juden und Nicht-Juden – kommen nach Krakau, um das jüdische Erbe zu feiern und zu genießen. Etwa beim Festival der Jüdischen Kultur, das immer Ende Juni/Anfang Juli Besucher aus aller Welt anzieht. Das ganze Jahr über gibt es Konzerte, Ausstellungen und Vorträge; in vielen Lokalen ist Klezmer-Musik zu hören. Was Sylwia besonders freut: Es gibt auch eine weibliche „Rabbi“. Tanya Segal, die erste in ganz Polen.

Kazimierz

Besonders die Szeroka Straße, Judah Platz und Wonica Platz laden zum Flanieren, Schauen, Essen und Trinken ein. Viel los ist auch immer am Nowy Platz mit einer Rotunde in der Mitte, die tagsüber von Ständen mit Obst, Gemüse, Schmuck, Souvenirs und Flohmarktware umgeben ist. In der Mitte gibt es Kioske mit Essen, wobei besonders die Baguettes („Zapiekanki“) für ein paar Zloty heiß begehrt sind. Rund herum befinden sich viele Lokale. Die Józefa Straße wiederum hat originelle Shops und Ateliers junger Künstler und Designer zu bieten sowie kleine Cafés und Bars, die untertags sehr gemütlich sind, sowie schöne Street Art-Werke an den alten Gemäuern.

Kazimierz

Ewige Ruhe?

Ruhig ist es im Remuh Friedhof, wo nicht nur renovierte Gräber, sondern auch die aus Bruchstücken von zerstörten Grabsteinen gebaute Klagemauer interessant sind. Hier befindet sich das Grab des Rabbiners Moses Iserles, das viele jüdische Pilger anzieht. Beschaulich und nahezu romantisch ist der „Neue Friedhof“ Rakowicki, der immerhin auch schon 200 Jahre alt ist. Dieser befindet sich am Rande von Kazimierz. Mit vielen Bäumen, verwachsenen Grabsteinen, historischen Grabstätten, kunstvollen Denkmälern und neuen Grabanlagen ist er ein friedlicher Ort für Spaziergänger oder gläubige Besucher.

Alter und neuer Friedhof

So wie einst der Hauptmarkt von Krakau mit seinem weitläufigen Platz, einem der größten mittelalterlichen Marktplätze Europas, den prächtigen Kirchen, Tuchlauben, Universitäten, Gassen, Gärten und Innenhöfen (UNESCO-Welterbe) sowie etwa 200 Lokalen, zum Anziehungspunkt für Besucher wurde, ist inzwischen Kazimierz „the place to be“ – wenngleich in kleinerem Rahmen.

Aber Konkurrenz entsteht auch hier, auf der anderen Seite der Weichsel: „Das nächste Trendviertel ist Podgórze“, meint Sylwia. Nicht nur viele Lokale locken die Leute an, sondern z. B. die architektonisch interessante Cricoteka, Dokumentationszentrum für die Kunst von Tadeusz Kantor, direkt am Fluss.

Podgórze

„Krakau will nicht imponieren“

Auch in die jüdische Vergangenheit führen einige Spuren: der Bohaterów-Getta Platz, von dem aus die Deportationen in die KZ stattfanden – eine Installation mit leeren Stühlen aus Eisen und Bronze erinnert daran – und die Reste der Ghetto-Mauern. Besuchermagnet ist die ehemalige Emaille-Fabrik von Oskar Schindler. Er war es, der 1.100 Juden beschäftigte und ihnen das Leben rettete. Das Museum auf dem ehemaligen Fabriksgelände bringt den Besuchern eindrucksvoll und bewegend die Geschichte Krakaus von 1939 bis 1945 näher. Es zeigt Schindlers Arbeitszimmer, aber viel mehr stehen die Schicksale der Einwohner, insbesondere der Juden, sowie deren Verfolgung und Vernichtung im Fokus. „Das Museum wurde 2007 als Projekt gestartet. Heute kommen täglich 1.200 Besucher“, erzählt Museums-Guide Aneta Jop. In einem Raum befinden sich Bilder der Geretteten. „Manche Familien kommen, um die Aufnahmen zu ergänzen“, sagt Aneta.

Emaille-Fabrik Oskar Schindler

In ehemaligen Hallen der Fabrik wurde auf dem Gelände 2011 das Museum für Gegenwartskunst MOCAK eröffnet – mit Glas und Beton modern umgesetzt. Es zeigt zum einen Sammlungen von polnischen und internationalen Künstlern wie auch temporäre Ausstellungen zu sozialkritischen, politischen und historischen Themen.

MOCAK

Für Sylwia, die seit 23 Jahren als Guide arbeitet, verändert sich Krakau ständig; immer wieder werden neue Viertel aufgewertet. Im Vergleich zur Hauptstadt Warschau sei ihre Stadt weniger modern, weniger hektisch, aber „Krakau hat Flair, ist viel gemütlicher und will nicht imponieren“. Eine Zeit lang galt es als Partystadt – aber auch das habe sich wieder geändert. Mit dem Jüdischen Gemeindezentrum bestehe Hoffnung, dass noch mehr Juden zurückkommen und erzählen, was jüdische Kultur ist.

KOMPAKT

Anschauen

Alte Synagoge: ältestes, erhaltenes Baudenkmal der jüdischen Sakralarchitetkur in Polen, aus dem 15. Jhd.; heute Historisches Museum für jüdische Geschichte und Kultur; ul. Szeroka 24, www.mhk.pl
Remuh-Synagoge und Friedhof: religiöser Mittelpunkt der Krakauer jüdischen Gemeinde; ul. Szeroka 40
Jüdisches Museum Galicja: Ausstellungen über jüdische Kultur auf den Gebieten des polnischen Galiziens, Fotoausstellung etc.; ul. Dajwór 18, www.galiciajewishmuseum.org
Emaillefabrik von Oskar Schindler: Lipowa Straße 4, Öffnungszeiten täglich 9:00 bis 16:00 Uhr; unbedingt reservieren! Führung empfehlenswert; ul. Lipowa 4, www.mhk.pl

Museum für Gegenwartskunst MOCAK: Do-So 11:00 bis 19:00 Uhr; ul. Lipowa 4, www.mocak.com.pl

KZ Auschwitz-Birkenau: Etwa eineinhalb Stunden von Krakau entfernt be- findet sich das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, das größte Vernichtungslager während der NS-Zeit. Eine Besichtigungstour führt nach Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager), heute Gedenkstätte, Museum und Forschungszentrum. Führung empfehlenswert, Dauer inkl. Anfahrt mind. 7 Stunden; unbedingt Tickets vorreservieren! www.auschwitz-besucher.info, www.visit.auschwitz.org

Unterkunft

PURO Kraków Kazimierz: neues, stylisches Hotel in Kazimierz, Designzimmer, Lounge, Bar, Restaurant, gutes Frühstück, Spa, Fahrradverleih; ul. Halicka 14a, www.purohotel.pl

Restaurants, Bars und Cafés in Kazimierz

Bistro Bazaar: modernes Lokal mit moderner, internationaler Küche; ul. Meiselsa 24, www.bazaarbistro.pl

Restauracja Starka: gemütliches Restaurant, polnische Küche; JóZefa 14, www.starka-restauracja.pl
Mleczarnia: Café mit Nostalgie; Beera Meiselsa 20, www.mle.pl
Alchemia: uriges Pub; Estery 5, www.alchemia.com.pl
Singer: beliebte Bar am Abend, Estery 20, www.singer.com

Geführte Tour in Krakau

Sylwia Jeruzal, Fremdenführerin, Kunsthistorikerin, E-Mail: jers11@op.pl

Anreise

Flüge z. B. mit Austrian Airlines oder mit der Bahn ab Wien-Hauptbahnhof (kürzeste Fahrzeit ohne Umsteigen 6h:40min)

Informationen zu Krakau

Kraków Travel, www.krakow.pl und Polnisches Fremdenverkehrsamt in Wien, www.polen.travel

Text erschienen im Magazin reisetipps (www.reisetipps.cc), Fotos: alle Christiane Reitshammer

Pdf: Reisetipps23 Krakau

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