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Griechenland: Vorsicht, Sie könnten sich verlieben!

Es muss am betörenden Duft liegen. Wie sonst kann es sein, dass wir auf der Insel ständig Menschen begegnen, die ihre Zelte in der Heimat abgebrochen haben, um auf Chios zu leben. Aus Liebe, wie sie uns erklären – zur Insel und/oder zu einem Menschen. Vielleicht ist es auch die überbordende Gastfreundschaft oder die Landschaft selbst. Ziemlich rasch erwischen auch wir uns bei der Frage: Was kostet eigentlich ein Grundstück hier? Wie wäre es, in einer Landvilla im Kambos, in einem Appartement am Strand oder in einem urigen Steinhaus in einem Bergdorf zu leben?

Einen schönen Urlaub beginnen kann man bereits in Chios-Stadt, wie wir uns überzeugen: mit einem Kaffee an der modernen Hafenpromenade oder auf einem der Plätze in der geruhsameren Altstadt, einer Shoppingtour in der Fußgängerzone oder in den Mastix-Geschäften, mit der Erkundung der Festungsanlage Kastro aus dem 16. Jhd., der osmanischen Spuren wie dem türkischen Friedhof oder dem Hamam oder der Windmühlen am Ende des Ortes.

 

 

Nur wenige Kilometer von der Stadt existiert aber ein anderes Chios. Wie ein großer Garten wirkt die Gegend Kambos – mit blühenden und duftenden Zitrusbäumen, Blumen und Landhäusern aus Sandstein in Rot-, Orange- und Beigetönen, Steinmauern entlang der Straße, roten Fensterläden, Brunnen und Zisternen. Zu verdanken ist der italienische Stil den Genovesern, die im 14. Jhd. Landhäuser und Plantagen auf der Insel errichteten. Die meisten Häuser stammen heute aus dem 19. Jahrhundert, viele wurden mittlerweile restauriert und z. T. als Gästehäuser umfunktioniert.

Im Zitrusmuseum und auf einzelnen Höfen erfahren wir alles über Handel und Herstellung von Produkten aus den Früchten. Und wir kosten uns durch: Süßes, Saures, Eingelegtes, Gekochtes… „Die Krise hat viele Griechen dazu gebracht, wieder zurück zur Natur zu kehren. Landwirtschaft und Eigenanbau spielen wieder eine größere Rolle. So wird wieder in die Gegend investiert“, erklärt Georgos, der eigentlich in Graz lebt, aber seit seiner Pension im Sommer immer in seine alte Heimat Chios zurückkehrt. Der Duft der Zitronenblüten und Früchte liegt überall in der Luft.

 

Von Idealisten im Gebirge…

Unsere Tour führt uns weiter ins Gebirge. Die Waldbrände von 2012 haben traurige Spuren hinterlassen und vieles vernichtet. Glück hatte u.a. das Kloster Nea Moni, das im 11. Jhd. gegründet und seither mehrmals zerstört und wiederaufgebaut wurde. Zu besichtigen sind etwa das Refektorium, der Verteidigungsturm und die Hauptkirche.

Wie beeindruckend Ruinen sein können, beweist Anavatos („Die Unzugängliche“). Die Reste eines verlassenen Dorfes zieren einen 450m hohen Berg. Nicht ganz verlassen. Die 72-jährige Smaragda aus Athen lebt seit 20 Jahren hier, mit Katzen und Hunden. Sie habe sich einfach in die Gegend verliebt, erzählt sie. Im Sommer findet sie weitere Gesellschaft in der einzigen Taverne, wo sie mit Busfahrern und Touristen plaudert oder Tavli spielt. Ein anderes Bergdorf mit klotzförmigen, fast unnahbaren, Steinhäusern hoch über dem Meer ist Avghonima. Hier haben einige Idealisten Häuser zu schmucken Gästehäusern umfunktioniert, die Taverne hat allerlei Köstlichkeiten zu bieten und der Sonnenuntergang mit Blick auf das Meer gibt uns den Rest.

 

…einer kaputten Bikinifigur…

Quer über die Insel führt unser Weg in den Westen nach Volissos. Der Empfang könnte nicht herzlicher sein: Kinder die musizieren und tanzen (passiert hier wöchentlich, nicht nur für uns), ein Mittagessen zum Niederknien, das Abendessen wie auch das Frühstück ebenso; Kalinichta, Bikinifigur! Oben am Berg schlendern wir zwischen den Resten einer Burg und genießen den Blick über die Landschaft, Olivenbäume und Weinbaugebiete, das Gebirge und auf das Meer. Im Ort lernen wir auch den Ex-Lehrer Giorgios Chalatsis kennen, der alte Routen über die Insel neu aufbereitet und einen Wanderguide herausgibt.

Im Strand-Appartement von Antigoni richten wir uns gedanklich für die nächsten Wochen ein. Die Besitzerin setzt auf Ursprüngliches: Die Speisen werden aus Zutaten aus dem Garten und aus der Region zubereitet. Gästemassen erwartet sie nicht:

„Wir wollen auf der Insel Qualität und nicht Quantität. Die Leute hier haben nicht nur Dollar-Zeichen in den Augen.“

 

und einer anderen Welt

Der Weg in den Süden führt am Meer entlang. Vorbei an teilweise unberührten Stränden, türkis-farbenem Wasser und alten Wachtürmen. Verlockend sind die kleinen Buchten: „Man muss manchmal ein bisschen den Weg suchen. Aber dafür hat man den Strand für sich alleine“, erzählt Esther, ehemalige Reiseleiterin, aus Holland stammend. Erraten: Verliebt in Chios.

 

 

Die Produktion von Mastix hat auf Chios eine lange Geschichte und die Insel einst wohlhabend gemacht. In mühsamer Kleinarbeit wird aus der Rinde des Baumes, einer Art Pistazienbaum, Harz, dem eine medizinische Wirkung nachgesagt wird, gewonnen und zu unterschiedlichsten Produkten verarbeitet wird: Kaugummi, Seifen, Cremes, als Gewürz, Öl , Schnaps (neben Ouzo und dem Feigenschnaps Souma eines unserer Hauptnahrungsmittel während der Reise) u.v.m. 200 Gramm Harz gibt ein Baum pro Saison ab, das mit 70 EUR pro Kilo zu Buche schlägt. Heute sind es verschiedene Kooperativen, die sich um die Gewinnung und Verarbeitung des klebrigen Golds kümmern und auch Touristen – z. B. in Mesta – gerne Einblick gewähren.

 

Duftendes Gepäck

Die mittelalterliche Stadt Mesta selbst imponiert mit dicken Mauern, die sie umgeben, engen Gassen und hübschen Plätzen, kleinen Geschäften und Cafés. Sämtliche Häuser sind durch Steinbögen verbunden und könnten von Dach zu Dach erwandert werden.

 

 

Eine weitere Attraktion ist die Stadt Pyrgi. Das Besondere sind die „Xysta“ – schwarz-weiße Wandverzierungen, die in den Putz eingekratzt wurden und das gesamte Ortsbild bestimmen.

 

 

Nur noch ein paar Kilometer weiter von hier und man gelangt in den Fischerort Emporios. Die schwarz-kieseligen Lavastrände bieten einen reizenden Gegensatz zu den feinsandigen von Lithi, Limnos, Elinda, Karfas usw. Die Liebe ist entfacht. Dennoch begnügen wir uns vorerst mit Zitronen, Mastixkaugummis und Lavendelsäckchen im Gepäck, die ein bisschen Chiosduft mit nach Hause bringen.

Chios im Video

Reise- und Video-Journalist Claudius Rajchl hat Chios, “die griechische Kaugummiinsel”, ebenfalls porträtiert. Er bezeichnet das heute, 2019, mit www.rajchlreist.tv, als “blutige Anfänge meiner Videos”, aber ich finde: damals schon sehr gut gemacht, informativ und inspirierend!

 

INFORMATIONEN

Hotels

Chandris: Stadthotel für große Gruppen, www.chandris.gr
Almyra: Boutiquehotel nahe den Stränden von Karfas, www.almyra.gr

Volissos Holiday Homes: schicke Apartments auf einer Anhöhe mit Blick auf die Strände von Volissos; auf Wunsch hausgemachte Spezialitäten zum Frühstück, www.volissosholidayhomes.gr
Emporios Bay: gepflegtes Hotel nahe den Lavakieselstränden von Emporios, www.emporiosbay.com
Mavrokordatiko und Riziko: Apartments in alten Landhäusern in der Region Kambos inmitten von Zitronenbäumen,  www.chios-riziko.gr
Argentikon: Luxusvilla im Kambos mit Suiten und Wellness www.argentikon.gr
Pyrgos Rooms & Restaurant bzw. Spitakia: Kleine Appartements in alten Steinhäusern im mittelalterlichen Dorf Avgonyma, www.chiospyrgosrooms.gr, www.spitakia.gr

Restaurants

Restaurants Fabrika: Familienbetrieb mit Produkten vom eigenen Hof und viel Herz in Volissos
Pyrgos: herzhafte Spezialitäten in der Taverne von Avgonyma Iris: Köstlichkeiten im mittelalterlichen Mesta, www.mcsuites.gr

Erschienen in tip, 2013; die Reise erfolgte auf Einladung des Griechischen Fremdenverkehrsamtes und Austrian Airlines

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